Leid aus christlicher Sicht

Als eine unabweisbare Wirklichkeit menschlicher Existenz gehört das Phänomen des Bösen und des Leids zu den Urerfahrungen der Menschheit. Die Frage nach seinem Ursprung, Grund, Wesen und Einfluss, nach seiner Erscheinung, Bewältigung und Überwindung ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Die verschiedenen Religionen, Philosophien, Gesellschaften und Kulturen weichen in ihren Erfahrungen, Bezeichnungen und Bewältigungsversuchen des Leids und des Bösen voneinander erheblich ab.

In der menschlichen Leiderfahrung spiegelt sich der faktische Unheilszustand der Welt wider. Das Leid ist mit der Geschöpflichkeit und Sterblichkeit des Menschen gegeben. Die Frage nach der Herkunft des Leids als „malum physicum“, als physisches, psychisches Übel (Krankheit, Tod, Unglück, Naturkatastrophen) und seines Bezuges zum „malum morale“, dem moralischem Übel, dem Bösen als Inhalt von Schuld und Sünde, charakterisiert in allen Religionen das Verhältnis von Welt und Gottheit. Die Frage, wie ein guter und allmächtiger Gott angesichts der Übel in der Welt – si Deus unde malum? – gerechtfertigt werden kann, wird philosophisch und theologisch als Theodizeefrage bezeichnet. Während man früher glaubte, diese Frage beantworten zu können, ist man heute nicht mehr so optimistisch. Christlich gesehen ist die Antwort Jesus Christus der Gekreuzigte: Er gibt uns die Hoffnung, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben werden.

In Jesu helfender und heilender Zuwendung zu kranken und leidenden Menschen zeigt sich nicht eine theoretische Bewältigung des Leides, sondern eine Ermutigung, mit ihm das Leid und das Böse zu bekämpfen und zu überwinden. Ja: Im Blick auf das Leiden Jesu haben Christen immer wieder die Möglichkeit erkannt, das eigene Leiden mit dem Leiden Jesu zu verbinden und so ‚aufzuopfern’.

In seiner ersten Enzyklika ‚Deus caritas est’ hat Papst Benedikt XVI. geschrieben:

„Natürlich kann Ijob sich bei Gott beklagen über das unbegreifliche und augenscheinlich nicht zu rechtfertigende Leiden, das in der Welt existiert. So sagt er in seinem Schmerz: ,,Wüsste ich doch, wie ich ihn finden könnte, gelangen könnte zu seiner Stätte! ... Wissen möchte ich die Worte, die er mir entgegnet, erfahren, was er zu mir sagt. Würde er in der Fülle der Macht mit mir streiten? ... Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht; denk' ich daran, gerate ich in Angst vor ihm. Gott macht mein Herz verzagt, der Allmächtige versetzt mich in Schrecken’’ (23, 3. 5-6. 15-16). Oft ist es uns nicht gegeben, den Grund zu kennen, warum Gott seinen Arm zurückhält, anstatt einzugreifen. Im Übrigen verbietet er uns nicht einmal, wie Jesus am Kreuz zu schreien: ,,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?’’ (Mt 27, 46). In betendem Dialog sollten wir mit dieser Frage vor seinem Angesicht ausharren: ,,Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger?’’ (Offb 6, 10). Augustinus gibt auf dieses unser Leiden die Antwort aus dem Glauben: ,,Si comprehendis, non est Deus — Wenn du ihn verstehst, dann ist er nicht Gott’’. Unser Protest will Gott nicht herausfordern, noch ihm Irrtum, Schwäche oder Gleichgültigkeit unterstellen. Dem Glaubenden ist es unmöglich zu denken, Gott sei machtlos, oder aber er ,,schlafe’’ (vgl. 1 Kön 18, 27). Vielmehr trifft zu, daß sogar unser Schreien, wie das Jesu am Kreuz, die äußerste und tiefste Bestätigung unseres Glaubens an seine Souveränität ist. Christen glauben nämlich trotz aller Unbegreiflichkeiten und Wirrnisse ihrer Umwelt weiterhin an die ,,Güte und Menschenliebe Gottes’’ (Tit 3, 4). Obwohl sie wie alle anderen Menschen eingetaucht sind in die dramatische Komplexität der Ereignisse der Geschichte, bleiben sie gefestigt in der Hoffnung, dass Gott ein Vater ist und uns liebt, auch wenn uns sein Schweigen unverständlich bleibt.“ (Nr. 38)


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